Was hat ein Garten mit unseren Emotionen gemeinsam? Je länger ich meinen Garten beobachte, desto mehr entdecke ich Parallelen zu unserem Innenleben. Dieser Artikel nimmt Dich mit auf eine kleine Reise durch den Seelengarten. Es ist eine Einladung, den Garten einmal als Spiegel unserer Gefühle und unseres persönlichen Wachstums zu betrachten.
Was Gärten und Gefühle gemeinsam haben
Seit unserem Umzug im vergangenen Winter genieße ich es, einen schönen, großen Garten zu haben.
Als wir einzogen, war Dezember. Der Garten wirkte damals ein wenig kahl und unscheinbar. Die Pflanzen hatten sich für den Winter zurückgezogen, vieles war kaum zu erkennen. Erst im Frühling und Frühsommer entdeckte ich, was bereits alles vorhanden war: Schneeglöckchen, Traubenhyazinten, Narzissen, Pfingstrosen, Frauenmantel, Rosen, blühende Sträucher und so viele Pflanzen, die den Winter über verborgen waren.
Während ich den Garten beobachte, denke ich darüber nach, was er mit dem Leben und Seelenleben zu tun hat.
Gärten und Gefühle haben mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick vermutet.
Was Aufmerksamkeit bekommt, wächst
Der Garten entwickelt sich nicht von allein zu dem Ort, an dem wir uns wohlfühlen. Jemand vor mir hat ihn so schön angelegt, gehegt und gepflegt. Jetzt sind wir dran.
Wir schneiden Trockenes zurück, lockern den Boden, jäten Unkraut und kümmern uns um das, was wachsen soll.
Auch in unserem Innenleben spielt Aufmerksamkeit eine wichtige Rolle.
Wenn wir uns selbst nie fragen, wie es uns geht, welche Gefühle uns begleiten oder was uns bewegt, verlieren wir leicht den Kontakt zu dem, was in uns wächst. Manches innere Kraut wuchert in den Beeten, wenn wir uns nicht darum kümmern.
Ärger, Hilflosigkeit oder Herzschmerz müssen wir erkennen achten und loslassen, damit sie nicht heimlich in unserer Seele weiterwuchern. Aber genauso und vielleicht um so mehr benötigen Freude, Dankbarkeit oder Respekt unsere Aufmerksamkeit und Pflege, damit sie unseren Seelengarten zieren können.
Viele Pflanzen brauchen Zeit und oftmals auch Pflege bis sie dann im Sommer oder Herbst Früchte tragen oder geerntet werden können. So lohnt es sich auch, unsere Seele zu pflegen, die Früchte der Arbeit mit Emotionen können wir vielleicht nicht so direkt ernten, aber sie tragen zu unserem inneren Wachstum und zur seelischen Reife bei.
Nicht alles, was unangenehm ist, muss sofort weg
Auch in meinem Garten wächst nicht nur das, was ich bewußt geflanzt habe. Viele schöne Pflanzen habe ich von den Vorbesitzern übernehmen können, was mich sehr dankbar macht.
Aber manches Kraut erscheint einfach von selbst und nicht jede Pflanze ist mir willkommen, dort wo sie wächst. Doch nicht alles, was spontan auftaucht, ist auch grundsätzlich schlecht.
Ähnlich ist es mit unseren Emotionen.
Wir übernehmen immer wieder Befindlichkeiten von unseren Vorfahren und Nächsten. Viele Menschen möchten unangenehme Gefühle jedoch möglichst schnell loswerden. Angst, Traurigkeit, Frustration oder Enttäuschung stören unseren Tag. Diese Emotionen werden als Belastungen erfahren. Allerdings wollen sie uns etwas über die Energie mitteilen, mit der wir unsere Welt wahrnehmen.
Im Garten reicht es nicht, das Unkraut zu ignorieren und darauf zu hoffen, dass es von allein verschwindet. Ich muss es zunächst wahrnehmen. Erst dann kann ich entscheiden, wie ich damit umgehen möchte.
Mit unseren Emotionen ist es ähnlich. Was wir nicht bemerken, können wir auch nicht verändern.
Und manchmal lohnt sich ein zweiter Blick. Nicht jede Pflanze, die zunächst stört, ist wertlos. Manches vermeintliche Unkraut entpuppt sich als Heilkraut. Und vielleicht muss die wuchernde Minze nichrt in die Tonne, sondern braucht einfach einen großen Topf, worin sie wachsen kann, ohne andere Pflanzen zu verdrängen.
Wenn Vergangenes fruchtbar wird
Im Garten verschwindet nichts spurlos. Verblühte Pflanzen, gefallenes Laub und abgestorbene Zweige kehren zur Erde zurück. Was seine Zeit erfüllt hat, wandelt sich. Mit der Zeit entsteht daraus fruchtbarer Boden als Essenz dessen, was einmal gelebt hat. Auf diesem Boden kann Neues wachsen.
Auch unsere Erfahrungen, die guten wie die weniger guten, hinterlassen Spuren. Nicht alles, was wir erleben, nehmen wir bewusst mit. Und doch kann sich manches verwandeln. Nicht selten entwickeln Menschen gerade durch herausfordernde Erfahrungen mehr Mitgefühl, Klarheit oder innere Stärke.
So wie aus Vergangenem fruchtbare Erde wird, kann auch aus schwierigen Erfahrungen etwas Wertvolles entstehen. Was einst schmerzte, kann mit der Zeit zu einer Quelle von Verständnis, Weisheit oder Mitgefühl werden und unserer Seele zu Wachstum verhelfen.
Regelmäßige Pflege statt Kahlschlag
Wer einen Garten hat, weiß: Regelmäßige Aufmerksamkeit ist meist wirksamer als das große Ausreißen und Umgraben.
Ein paar Minuten Pflege hier und da bewirken oft mehr, als einen Garten monatelang sich selbst zu überlassen und später mit großem Aufwand wieder in Ordnung bringen zu wollen.
Mit unseren Emotione verhält es es ähnlich.
Die bewusste Pflege unserer Gefühlswelt ist wie regelmäßiges Gärtnern in der Seele. Sie hilft uns wahrzunehmen, was in uns lebendig ist, bevor Belastungen überhandnehmen oder sich über lange Zeit im Verborgenen festsetzen.
Viele Menschen beschäftigen sich erst dann mit ihrem Innenleben, wenn Beschwerden entstehen oder der Leidensdruck groß wird.
Regelmäßige Pflege im Seelengarten beginnt damit, Gefühle ernst zu nehmen, bevor sie sich über lange Zeit im Verborgenen halten. Sie lädt uns ein, immer wieder hinzuschauen, was Aufmerksamkeit braucht.
Die Schönheit genießen
Bei all den Vergleichen zwischen Garten und Leben gibt es einen Gedanken, der mir besonders wichtig ist:
Ein Garten besteht nicht nur aus Arbeit.
Niemand pflanzt Rosen, um später Unkraut zu jäten. Niemand setzt Obstbäume, um ausschließlich über ihre Pflege nachzudenken.
Wir gestalten Gärten auch deshalb, weil sie schön sind und uns glücklich machen. Wir wollen uns an den Narzissen im Frühling erfreuen. Im Sommer genießen wir den Duft von Rosen. Dann warten wir gespannt auf die ersten Himbeeren, Sauerkirschen oder Quitten.
Diese Freude ist ein wichtiger Grund, warum Menschen gärtnern.
Mit unseren Emotionen ist es ähnlich.
Auch unser Innenleben besteht nicht nur aus Emotionen wie Angst, Traurigkeit oder Frustration.
Freude, Dankbarkeit, Liebe, Zufriedenheit und Begeisterung erhellen die schönen Momente im Garten des Lebens.
Diese Gefühle verdienen unsere Aufmerksamkeit ganz besonders. Wir können Dankbarkeit bewusst fühlen. Besonders gut gelingt mir das im Garten.
Wir können die schönen Momente bewusst wahrnehmen, statt nur auf die vergangenen Probleme oder anstehende Aufgaben zu schauen.
Positive Emotionen machen das Leben nicht oberflächlich. Sie machen es schön.
In der Literatur findet sich dieses Bild des Gartens und der inneren Wandlung immer wieder, besonders eindrücklich bei meinem Lieblingsdichter Rainer Maria Rilke. z.B. hier.
Was wächst in Deinem inneren Garten?
Viele Menschen investieren Zeit und Aufmerksamkeit in ihre konkrete Welt, dekorieren ihre Wohnung oder putzen ihr Auto. Sie kümmern sich um das Sichtbare, das Materielle.
Doch wie viel Aufmerksamkeit schenken wir dem, was in uns wächst?
Welche liebevollen Gedanken nähren uns?
Welche schönen Momente verdienen mehr Aufmerksamkeit?
Welche unangenehmen Gefühle wuchern unseren inneren Garten zu?
Der Garten erinnert mich immer wieder daran, dass Pflege wichtig ist und dass Wachstum Zeit braucht.
Und dass es sich lohnt, die Schönheit wahrzunehmen, die bereits da ist:
In uns selbst und im Garten.
Der Gedanke, dass Gärten dem psychischen und körperlichen Wohlbefinden dienen, wird auch für den jährlichen Tag des Gartens im Juni ausdrücklich hervorgehoben.
Wenn wir beginnen, unseren inneren Garten bewusster wahrzunehmen, kann es hilfreich sein, tiefer liegende emotionale Muster zu betrachten und zu lösen – zum Beispiel mit dem Emotion Code.
In meiner Arbeit begleite ich Menschen genau auf diesem Weg.





